Biber in Bad Wildungen: Natürlicher Wasserrückhalt gewinnt an Bedeutung

Bad Wildungen(pm). Nahezu jedes Jahr kommt es nach Starkregen zu Hochwasserereignissen mit teils erheblichen Folgen für Böden, Infrastruktur und Gebäude. Überflutete Keller, ausgespülte Wege und Erosion in der Landschaft sind keine Seltenheit. Solche Ereignisse hat es zwar schon immer gegeben, doch auch in der Region ist zu beobachten, dass Starkniederschläge häufiger und intensiver auftreten. Entsprechend hoch ist der Bedarf an wirksamem Hochwasserschutz. Klassische technische Maßnahmen wie Rückhaltebecken, Gewässerausbau oder Entwässerungsinfrastruktur sind jedoch meist mit erheblichem Planungsaufwand und hohen Kosten verbunden. Gleichzeitig zeigt sich in der Natur eine andere Entwicklung. Der Biber kehrt zurück. Das streng geschützte Tier breitet sich seit Jahren entlang größerer Fließgewässer aus und hat inzwischen auch die Ederregion erreicht. Seit 2023 wird der Biber in Bad Wildungen nicht nur an der Eder, sondern auch entlang der Wilde und mittlerweile darüber hinaus nachgewiesen. Der Biber folgt seinem natürlichen Instinkt und staut Fließgewässer auf. Mit Dämmen, kleinen Wassergräben, gefällten Bäumen und Biberburgen verändert er Bachläufe, die früher begradigt oder eingeengt waren. Es entstehen Feuchtflächen und strukturreiche Wasserbereiche mit hoher ökologischer Vielfalt. Gleichzeitig bleibt mehr Wasser in der Fläche zurück und Abflussspitzen bei Hochwasser können vermindert werden. Der Biber ersetzt keinen technischen Hochwasserschutz, kann aber lokal zum Wasserrückhalt beitragen.

Im Unterlauf der „Wilde“ bei Wega hat sich inzwischen ein festes Biberrevier etabliert. Der Bach wird dort abschnittsweise kaskadenartig aufgestaut. Mehrere Dämme halten Wasser zurück und bilden teichartige Bereiche, stellenweise haben sich kleine Gefällestufen entwickelt. Strukturen, die sonst nur mit größerem technischem Aufwand entstehen würden, entstehen hier durch die Aktivitäten des Bibers. Die „Wilde“ gewinnt dadurch wieder mehr von ihrem ursprünglichen Charakter zurück. Die Voraussetzungen dafür wurden bereits früher geschaffen. Die Renaturierung der Wilde im Jahr 2009 hat in diesem Abschnitt einen strukturreichen Lebensraum entstehen lassen. An diese Entwicklung knüpft der Biber heute an und das zum Nullkostentarif.

Diese natürliche Gewässerentwicklung kann auch zu Nutzungskonflikten führen. Wo Gewässer wieder mehr Raum bekommen, steigen örtlich Wasserstände, Randbereiche von Wiesen werden zeitweise vernässt und einzelne Bäume fallen. Anrainer müssen sich teilweise auf veränderte Bedingungen einstellen. Viele Situationen lassen sich mit einfachen Mitteln entschärfen. Besonders schützenswerte Einzelbäume können vorbeugend mit Schutzgittern gesichert werden. Auch technische Lösungen sind im Einzelfall möglich. Der Biber selbst, sowie seine Dämme und Burgen, stehen unter gesetzlichem Schutz und dürfen nicht beschädigt oder entfernt werden. Bei Fragen oder Problemen unterstützen das Bibermanagement von HessenForst und das Regierungspräsidium Kassel mit Beratung und Lösungsansätzen. „Möglich ist zudem eine finanzielle Unterstützung von Präventionsmaßnahmen, sofern diese vorab abgestimmt werden“ so Pia Hesse-Edenfeld, zuständige Funktionsbeschäftigte für Naturschutz bei HessenForst, Forstamt Frankenberg Vöhl.

Trotz einzelner negativer Vorfälle setzt sich die Ausbreitung fort. In Reinhardshausen wurde ein Biber erschossen, nahe dem Gershäuser Hof ein Tier überfahren. Zudem wurde in Reinhardshausen ein Biberdamm unzulässig entfernt. Gleichzeitig nehmen die Nachweise in weiteren Ortsteilen zu. So hat sich auch in Armsfeld ein Biber angesiedelt, inmitten des Ortskerns. Insgesamt zeigt sich damit eine fortschreitende Rückkehr des in Hessen lange Zeit ausgestorbenen Tieres in der Region. „Die Umwelt ist kein statischer Zustand. Manche Veränderungen, wie der Klimawandel, entfernen uns vom natürlichen Gleichgewicht. Gleichzeitig sehen wir mit der Rückkehr des Bibers auch Entwicklungen hin zu mehr natürlicher Dynamik. Diese Entwicklung ist naturschutzfachlich begrüßenswert, braucht aber vor Ort gute Abstimmung“, sagt Maximilian Malte Paul, Klimaschutzmanager der Stadt Bad Wildungen. Wenn künftig Fragen oder Konflikte auftreten, stehen die Stadt Bad Wildungen, das zuständige Forstamt Frankenberg-Vöhl und das Regierungspräsidium Kassel als Ansprechpartner zur Verfügung.

Infobox: Naturnaher Gewässerumbau in Reinhardshausen

Im Stadtteil Reinhardshausen wurde im vergangenen Jahr ein Abschnitt der Wilde auf dem Gelände der MEDIAN Klinik Mühlengrund durch die Stadt Bad Wildungen naturnah umgebaut. Grundlage der Umsetzung war ein Gestattungsvertrag mit der Klinik, durch den entsprechende Flächen (Flur 4, Flurstücke 19/3 und 71/18) zur Verfügung gestellt wurden. Auslöser waren Biberaktivitäten, die im Bereich eines städtischen Entwässerungskanals zu einem Rückstau führten. Ziel der Maßnahme war es, die Betriebssicherheit der technischen Infrastruktur dauerhaft zu gewährleisten und zugleich dem Gewässer mehr Raum für eine natürliche Entwicklung zu geben. Die Finanzierung erfolgte über naturschutzrechtliche Ersatzgelder. Der Gewässerlauf wurde abschnittsweise verlegt und durch ein neues Bachbett ergänzt. Ein Damm schützt heute den Auslaufbereich, während das Wasser über das neue Gerinne geführt wird. Der frühere Abschnitt bleibt als Nebenarm erhalten und steht bei höheren Wasserabflüssen als zusätzlicher Retentionsraum zur Verfügung. Die Maßnahme verbindet technische Sicherheit, kommunale Infrastruktur und ökologische Aufwertung und schafft zusätzliche Struktur- und Lebensräume am Gewässer.